#31 // Gedanken

Roses Revolution. Aktionstag gegen Gewalt in der Geburthilfe. Über Instagram habe ich von diesem Tag erfahren und verfolge ihn heute mit Interesse. Nein, ich selber habe glücklicherweise während der Geburt keine negativen Erfahrungen gemacht. Es ist traurig zu sehen, wie vielen es leider anders ergangen ist. Auf der Suche nach einem Babyschwimmkurs war ich auf der Seite unserer Entbindungsklinik und fand unter „Aktuelles“, dass sie eine Sprechstunde einrichten, in der Frauen ihre negativen Erfahrungen aufarbeiten können, auch mit einem Mitglied des Geburtsteams der Frau. Ich denke, das ist bereits ein guter Schritt.

Ich selber denke noch immer viel an die Geburt zurück und mir ist noch immer nicht wohl bei dem Gedanken daran und ich weiß noch immer nicht wieso. Heute vor vier Monaten lag ich in den Wehen und hoffte, es würde bald vorbei sein. Immer wieder frage ich mich, wie die Geburt ohne Einleitung gewesen wäre. Schneller? Ertragbarer? Wann wären sie geboren? An sich war ich gegen eine Einleitung, hab aber dem fachlichen Wissen der Ärzte vertraut, vor allem auch vor dem Hintergrund, es möglichst risikofrei zu halten. Je näher der ET kam, desto größer wurde auch meine Angst, dass noch irgendwas passiert.

Die Geburt dauerte ewig, ich hatte keine Schmerzpausen zwischen den Wehen und fühlte mich ausgeliefert, vor allem, weil einfach nichts passierte. Die PDA war wunderbar und heute weiß ich nicht mehr, was ich darunter noch gespürt habe. Ich hatte zwei wundervolle Teams während der Geburt (Schichtwechsel), der Kreißsaal war extrem voll. So grausam mir der 25.07. auch in Erinnerung ist weiß ich auch, dass nichts an diesem Tag meine negativen Gedanken auslöst. Schlimm war der Moment, als Schnuffi geboren war und weg war. In dem Moment selber traf es mich nicht, ich wusste, alles würde gut werden und meine Gedanken kreisten eher darum, dass ich durch das ganze noch mal durch muss und körperlich schon sehr fertig war. Mausis Geburt ging jedoch schneller (jaja, 1,5 Stunden später ist nicht wirklich „schnell“ bei Zwillingen) und wenn ich an den Moment denke, als ich sie das erste Mal sah, empfinde ich nur Glück. Das anschließende Nähen tat weh (ich war ja noch betäubt durch die PDA und merkte dafür aber verdammt viel), an diese Schmerzen erinnere ich mich noch genau. Aber ich hatte meine Tochter und war völlig fertig (immerhin 24h wach, die Nacht davor kaum geschlafen und kein Essen im Körper). Ich erinnere mich noch genau an den Moment, wie ich auf die Intensivstation geschoben wurde und meinen Sohn das erste Mal sah und in den Arm nehmen durfte. Es war so wunderschön!

Woran ich wirklich negativ zurückdenke waren die Tage im Wochenbett im Krankenhaus. Bis zum 27.7. morgens immer wieder zur Intensivstation gefahren werden zu müssen, was immer sehr lange dauerte. Ohne Kraft im Körper zur Toilette gehen, in den Rollstuhl setzen, mir einen Transport zur Intensiv organisieren, hingefahren werden, Kinder auf den Arm bekommen, stillen, kuscheln, zurückgefahren werden müssen, ins Bett wanken… eine Stunde schlafen und dann wieder von vorne. Die eine Stunde schlafen war jedoch kaum möglich, weil ich ewig brauchte um runterzukommen und meine Zimmernachbarin ebenfalls mit einem Neugeborenen da war. Die Freude war umso größer, als wir ins Familienzimmer konnten, gemeinsam mit den Kindern. Die erste Nacht dort gemeinsam war jedoch die Schlimmste an den ganzen Tagen. Die Nachtdiensthabende Hebamme war die in meinen Augen unfähigste. Ich rief sie, weil Mausi nicht aufhörte zu brüllen, weil sie Hunger hatte und nichts kam. Kein einziger Tropfen. Ich war völlig aufgelöst und bat um Hilfe. Sie antwortete nur: „Sie müssen abpumpen!“ – „Es kommt nichts!“ – „Sie müssen abpumpen!“ – „Das macht meine Tochter jetzt auch nicht satt!“ – „Sie müssen abpumpen!“ Dann wurde ich mitten in der Nacht laut, völlig unter Tränen aufgelöst: „Mein Kind hat Hunger und muss JETZT was essen!!!!“ und dann endlich, jedoch noch immer unter großer Weigerung ihrerseits, holte sie Formular und wir konnten es ihr geben und sie schlief satt weiter. Ich selber wurde dann an die Milchpumpe gesetzt und ließ sie mir von ihr erklären. Wie ich jetzt weiß – sie hatte keine Ahnung und erklärte mir irgendeinen Mist. Aber das Ergebnis: es kam NICHTS. Sie völlig erstaunt: „da kommt ja gar nichts!“…… von dem Moment an hofften wir einfach nur, dass die Nacht schnell vorbei ging und der Schichtwechsel stattfand. Und tagsüber war es glücklicherweise besser, die Hebammen und Schwestern viel freundlicher und uns wurde geholfen. Vor einer weiteren Nacht hatte ich wieder viel Angst, jedoch hatte glücklicherweise jemand anderes Dienst und wir gingen am nächsten Tag nach Hause. Jeder von uns ein Kind auf dem Arm auf dem Weg zum Auto. Dabei nahmen wir den Weg, den ich in den sechs Tagen im Krankenhaus so oft gefahren wurde. Den Fahrstuhl von der Station runter, am Hinterausgang des Kreißsaals vorbei, an der Neugeborenenintensiv vorbei, den Kreißsaalausgang raus, die ersten Schritte im Sonnenschein die Stufen runter, die Kinder auf dem Arm, das erste Mal für beide draußen. Von dem Moment an begann für mich erst richtig unser Leben als Familie.

Ja, dieses Erlebnis macht mich noch immer fertig. Und jetzt, wo ich es aufgeschrieben habe, ist es vielleicht auch das, was mich an der ganzen Geburtssituation am meisten fertig macht.

Ich frage für einen Babyschwimmkurs im Krankenhaus an. Auch wenn der Gedanke, dass ich dort wieder die Räume betreten werde, sehr unwohl ist. Ein mulmiges Gefühl. Aber vielleicht brauch ich genau das, auch um herauszufinden, was genau da noch in mir schlummert.

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